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Tom Dielen, Generalsekretär der Fédération Internationale de Tir à l’Arc (FITA)15.03.2011 – Was verbirgt sich hinter dem "Archery World Plan" und welche Ziele verfolgt der Weltverband der Bogensportler mit dem Plan? Wird der Compoundbogen in Zukunft olympisch ? Welche Nationen werden in fünf bis sechs Jahren an der Weltspitze des Bogensports stehen und möglicherweise auch Korea ablösen? Tom Dielen (Foto), Generalsekretär der Fédération Internationale de Tir à l’Arc (FITA) mit Sitz in Lausanne in der Schweiz, beantwortet im Interview mit Günter Kuhr diese und weitere Fragen.

 

"Was genau steckt hinter dem Archery World Plan ?"

„Anfang 2005 stellte die FITA einen Zehn-Punkte-Plan zur Weiterentwicklung des internationalen Bogensports auf. Im Juli 2005 gab es für die FITA eine richtungsweisende Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): Baseball und Softball wurden von der Liste der Sportarten, die bei den Olympischen Spielen 2012 in London durchgeführt werden, gestrichen. Die FITA wollte mit dem Archery World Plan verhindern, dass der Bogensport in Zukunft in eine ähnliche Situation gerät.

Der Archery World Plan basiert auf einem Eckpunkteprogramm. Dieses Programm und deren Umsetzung sollen klare Antworten auf folgende Fragen herausstellen:

• Wer sind wir (Prägung einer aussagekräftigen Identität) ?
• Welche Produkte bieten wir (Events) ?
• Wie können wir unsere Produkte bekannt machen ?
• Wie können wir im Sponsoring mit Partnern noch effektiver zusammenarbeiten ?
• Wie können wir als internationale Bogensportgemeinschaft wachsen ?

World ArcheryBei der Entwicklung des Archery World Plans setzten wir Think Tanks ein, also informelle Gruppen, in denen jeweils sieben bis zehn Expertinnen und Experten aus dem Bogensport zusammen mit externen Beratern Ideen entwickelten. Diese Ideen wurden in der Praxis erprobt und ausgewertet. Danach wurde entschieden, ob die jeweiligen Neuentwicklungen dem FITA-Kongress vorgeschlagen wurden. Der FITA-Kongress entschied auf Grundlage der Ergebnisse, ob eine Idee übernommen oder an die Think Tanks zur Überarbeitung zurückgereicht wird. Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung des World Archery Logos, das in das Programm der FITA implementiert wurde und zur Stärkung unserer Identität beiträgt.“

"Welche Meilensteine des Plans sind seit 2007 umgesetzt worden ?"

„Zu den Meilensteinen des Archery World Plans zählen die Stärkung der Identität der FITA und des internationalen Bogensports, eine veränderte kontinentale Zuordnung von Bogensportnationen, die Ausarbeitung von differenzierten Produkten für die Bogenklassen Compound und Recurve durch die Schaffung von unterschiedlichen Wettkampfbedingungen, die es nun besser ermöglichen, die beiden eigenständigen Disziplinen des Bogensports in den Medien darzustellen.“

"Ende 2011 endet das Projekt. Welche Ziele müssen 2011 noch erreicht werden und gibt es hier und da noch Nachbesserungsbedarf ?"

„Zwar endet 2011 der Archery World Plan, doch die FITA wird die Entwicklung des Bogensports weiter vorantreiben. Wir richten unseren Focus bereits jetzt verstärkt auf die Mitgliederentwicklung der internationalen Bogensportgemeinschaft. Ein Schritt wird die Stärkung der nationalen Bogensportverbände sein. Auf internationaler Ebene konnten wir die Medienpräsenz und die Zuschauerzahlen bei den Wettkämpfen deutlich erhöhen. Und genau diese positive Entwicklung wollen wir durch die Förderung auch auf der nationalen Ebene in den jeweiligen Staaten nach vorne bringen.“

"Gab es Teilziele die sich nicht umsetzen ließen und aus dem Plan herausgenommen wurden ?"

„Ja. Das Hit-Miss-System für die Compound-Klasse wurde im September 2009 beim FITA-Kongress in Ulsan als Regeländerung beschlossen. Dieses System zeigte sich als nicht praktikabel. In der Hit-Miss-Runde schossen die besten Schützen wenig Treffer und es entstand so der Eindruck, dass die Top-Athleten schlecht schießen würden. Das System machte also für Beobachter und die Medien den Eindruck, dass unseren Top-Schützen nicht treffen. Daher wurde das Hit-Miss-System nach kurzer Zeit wieder eingestellt.“

"Wie stehen die Chancen, dass die Compound-Klasse als Disziplin des Bogensports in das Olympische Programm übernommen wird ?"

"Zunächst muss festgestellt werden, dass auch andere Sportverbände bemüht sind, weitere Sportdisziplinen in das Olympische Programm zu integrieren. Das klappt nicht immer. In Bezug auf den Bogensport warf das IOC die Frage auf, warum das Compoundschießen als zusätzliche Disziplin in das Olympische Programm aufgenommen werden soll, wenn für Recurve- und Compoundschützen identische Wettkampfbedingung gelten.

Die FITA arbeitet seit längerem daran, das Compoundschießen als ein eigenständiges Produkt auszubauen. Wettkampfbedingungen müssen also zur Unterscheidung beider Disziplinen beitragen. Die Aufnahme der Compoundklasse bei den Commonwealth Games und die Aufnahme bei den Asian Games zeigten in der jüngsten Vergangenheit, dass unser Weg genau richtig ist. Hier treten inzwischen neben Recurve- auch Compoundschützen an und kämpfen um Medaillen in ihren Klassen.

FITA-Scheibe mit PfeilenWie das IOC mit dieser Entwicklung in Zukunft umgeht, bleibt abzuwarten. Problematisch erscheint jedoch, dass es bei den Olympischen Spielen eine limitierte Anzahl von Startplätzen für jedes teilnehmende Land gibt und die bisherigen Team-Wettbewerbe so nicht mehr durchführbar werden."

"Wie entwickelt sich die weltweite Bogensportgemeinschaft ?"

"Der FITA sind zurzeit 144 Bogensportnationen angeschlossen. Wir gehen von einer Zahl von acht bis zehn Millionen Bogensportlern weltweit aus. Eine exakte Angabe ist schwierig, weil es einen gewissen Anteil von Bogensportlern gibt, die nicht organisiert sind. Dazu zählen auch Schüler, die an den Bogensport herangeführt werden. Der Deutsche Schützenbund beziffert seine Bogensportler auf rund 35.000.

Insgesamt verzeichnen wir eine allgemeine Zunahme der Mitgliederzahlen. In Frankreich stieg beispielsweise in den letzten Jahren die Zahl der Bogensportler von 60.000 auf 67.000. Bogensporthändler aus verschiedenen Ländern berichten uns immer wieder über steigende Absätze des Bogensportequipments. In der Qualität des Bogensports punktet Asien mit neuen starken Teams. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass es für viele Bogensportnationen immer schwieriger wird, an der Weltspitze mithalten zu können. Das betrifft insbesondere die klassischen Bogensportnationen der letzten Jahrzehnte."

"Gibt es Staaten mit einem besonders hohen Wachstum der Mitgliederzahlen im Bereich des Bogensports ?"

"Ein enormes Wachstum verzeichnen Indien und China. Bei den aktuellen Wachstumsraten müssen wir davon ausgehen, dass China in fünf bis sechs Jahren Korea eingeholt hat. China hat in vielen Bereichen das koreanische Bogensportkonzept übernommen. Unterschiede gibt es in der Teamförderung. Während koreanische Bogenschützen von Unternehmen gefördert werden, sind die Bogensportler in China den unterschiedlichen Provinzen angeschlossen und erhalten hier ihre Förderung. Durch das Sportförderungssystem hat Korea zurzeit rund 300 absolute Topathleten. China wird bei Anhalten der aktuellen Entwicklung in fünf Jahren schätzungsweise 500 Athleten mit diesem Leistungsniveau aufweisen können."

Beitrag: Günter Kuhr/Bogensport-Extra.de

Quelle: Bogenschiessen Deutscher Schützenbund / International
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