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FITA-Recurve FITA-Compound Traditionell
Es ist dieser verflixte Reflex, dieser unbeugsame Wille, festzuhalten was man eigentlich schon gar nicht mehr haben dürfte. Der Sache habhaft zu werden, auch mal loslassen können, oder ihn einfach wegzuschubsen, genau das wäre das heutige Thema aus dem Bereich Trainingsmethodik, diesmal geschrieben mit Videounterstützung. Denn die Bundeskaderschützin Christina Schäfer stellte sich für Aufnahmen rund um diesen Technikschwerpunkt zur Verfügung.

...und? Schon rausgekriegt, was ich meine?

Lass doch mal loooooos...

Stützhand nach dem Abschuss, hier bei Elena Richter besonders ausgeprägte Arbeit mit dem DruckpunktJa genau, den Bogen! Denn den hat man oft viel zu fest in der Hand. Fest davor, fest während und fest nach dem Abschuss. Dumm nur, die oft viel zitierte ruhige Hand lässt sich damit nicht erreichen. Eher ist die Folge ein nicht reproduzierbares Verreißen. Denn Muskelanspannungen der Stützhand lassen keine weiche Bogenhand und somit auch keinen sauber abgeschossenen Bogen zu.

Eher das Gegenteil ist anzustreben, Druck im Druckpunkt. Wenig, dafür aber bestimmt! Eben ohne dabei Anspannungen in der Stützhand zuzulassen. Links im Bild bei Elena Richter ist die Arbeit des Druckpunktes der Stützhand nach dem Abschuss besonders gut zu erkennen, denn der Bogen konnte sauber vorn raus.

Ist dieses als Technikelemt in den gesamten Schussablauf mit integriert, so haben wir bereits die halbe Miete. Nur Halb? warum nicht ganz, wird sich so mancher Leser fragen. Im Prinzip steht der Schütze über zwei Schnittstellen direkt mit dem Bogen in Kontakt, übt dadurch wesentlichen Einfluss auf das Abschussverhalten und somit auf die Flugphase des Pfeils aus:

- einmal die Zughand als Verbindungslied zur Sehne
- zum Zweiten mit der Stützhand als Verbindungsglied direkt zum Bogen

Auf die Schnittstelle Zughand/Sehne/Wurfarme und dadurch bedingt wiederum auf den Bogen wollen wir heute jedoch nicht näher eingehen. Denn ausschließlich der Druckpunkt steht dieses Mal im Mittelpunkt. Doch 'ausschließlich' dann auch wieder nicht, denn das eine bedingt oft auch das andere. OK, aber zurück zur Druckpunktarbeit, denn dies wäre ein unterstützendes Technikelement, eben eines, um unsere zweite Schnittstelle weitestgehend fehlerfrei in den Gesamt-Bewegungsablauf einzubringen. Sehen wir uns als Erstes einmal den Schussablauf an:

Im Video Christina Schäfer, der gesamte Schussablauf

Ätsch, Pech gehabt! Nicht wie üblich eine Aufnahme, bei der man den Schützen von vorn mit Endzug und Lösen sieht. Hier mal alles aus der Gesamtperspektive, gewissermaßen über die Schulter geschaut. Denn wir wollen uns ausschließlich dem Stützaparat zuwenden. Seht euch das Video ruhig noch mal an, immer und immer wieder. vor allem den Weg der Zughand beim Vor und beim Vollauszug. Auch auf die Stellung der Schultern solltet ihr dabei achten, ebenso wie auf die Stützhand.

Jeder einzelne Teilabschnitt des Schusses ist genau festgelegt, wird vom Schützen ähnlich einer Checkliste nacheinander abgearbeitet. Da der Schuss nicht nur aus Bewegung besteht, durch das Zuggewicht auch Kraftkomponenten aufzubringen sind, sollten diese eher als eine Gesamt-Kraft verstanden, so auch gehandhabt werden. Ein Unterbrechen des Kraftflusses hieße Neuaufbau, und dieses wiederum stuft bereits den Schuss von vornherein als 'verloren' ein, noch ehe der Schütze ihn überhaupt abgeben konnte. Demzufolge ist jederzeit ein fließender Kraftaufbau anzustreben. Das heißt auf den Schussablauf - also das Abarbeiten der Technikelemente übertragen, zwischen den einzelnen Technikabschitten darf der Schuss keinesfalls unterbrochen werden! sämtliche Elemente gehen ineinander fließend über. Und doch muss jedes Element für sich genommen wiederum sauber ausgeführt und für einen Außenstehenden klar erkennbar sein.

Stützarm und Schulterbereich bilden eine Linie

Auf unseren Druckpunkt übertragen hieße dies, der Schütze sucht bereits in der Grundstellung den Druckpunkt, setzt ihn an und spannt dafür den Bogen einige wenige Zentimeter vor. Pfeil und Zugarm bilden dabei eine Linie. Beim Heben des Bogens zum Vorauszug wird der Bogen weitere Zentimeter gespannt, die Zughand befindet sich nun bis zu. 20 Zentimeter vor dem Gesicht und in Höhe zwischen Kinn und Augenpartie. Weitere Elemente wie beispielsweise Vorvisieren, eventuelle Druckpunktkorrektur und endgültige Festlegung der Stellung des oberen Schulterbereiches  werden noch durchgeführt. Wie auf dem Video zu erkennen ist, bilden idealerweise Stützarm und Schulterbereich von oben gesehen eine Linie.

Der aufmerksame Beobachter unseres ersten Videos hat bestimmt erkennen können, dass kurz vor Erreichen des Vorauszugs ein klitzekleiner Schlenker der Zughand nach oben eingebaut ist. Dem ist tatsächlich so. Dies ist strategisch bedingt. Denn der Schütze erleichtert sich und seinem Bewegungsapparat dadurch bedingt das Finden der endgültigen Schulterstellung. Immer und immer wieder eintrainiert wird dadurch das automatische Erreichen einer korrekten und reproduzierbaren Schulterstellung erheblich gefördert. Auch das Spannen des Bogens aus dieser erhöhten Position der Augenhöhe heraus - also von oben herab, fördert ein Erreichen der optimalen Schulterstellung, ohne dass durch zusätzliche Maßnahmen noch nachträglich eingewirkt werden muss. Auch das endgültige Aufspannen mit Einsatz des 50-prozentigen Kraftanteils in Druckrichtung und 50-prozentigen Kraftanteils in Zugrichtung gehört dazu. Ein Bewegungsablauf nah am Optimum, praktisch mit geringst notwendigem Kraftaufwand und doch optimal möglichen Ergebnissen.

Denkt mal zurück. Vielleicht ist es ja euch ab und an auch so gegangen: Man stellt fest, dass bereits durch das Heben des Bogens Stütz- und Zugschulter unbewusst mitangehoben wurde, ja leider. Sofern der Schütze dieses überhaupt wahrnimmt, müsste er beide Schulterpartien nachträglich wieder in ihre Stellung nach unten zurückbringen, was oft mit erheblichem Aufwand, vor allem mit Kraft verbunden ist. Auch wäre dies nicht optimal reproduzierbar. Doch in diesem Fall würden wir bereits an einer Korrektur arbeiten, die eigentlich gar nicht notwendig sein sollte. Gerade beim Bogenschießen gilt: Ursache - Wirkung. finde also die Ursache, und setze genau dort an. Erst dann wird sich die Auswirkung entsprechend bedingt durch deine Ursachen-Korrektur anpassen. Ein Nachträgliches Korrigieren der Stellung der Stützschulter hingegen hieße, lediglich nur Fehler in den Auswirkungen zu beheben.

Eben der beschriebene Schlenker unterstützt uns bei dem Erreichen einer reproduzierbaren natürlichen Schulterstellung, vor allem der Position der Stützschulter. Hier liegt auch die Betonung, Stützschulter. Denn diese wirkt sich wiederum direkt auf den Druckpunkt unserer Stützhand im Abschuss aus. Eine optimale reproduzierbare Stellung der Stützschulter -  noch vor dem dem Vollauszug - ist also wesentlich für einen sauber agierenden Druckpunkt.

Der Gliedermaßstab

Stell Dir das so vor: Unser Stützarm ist wie ein lang gestreckter zweigliedriger Zollstock, das Gelenk dazwischen stellt den Ellenbogen dar. Ein wenig Druckbeanspruchung in Längsrichtung kann solch ein Zollstock aber nur in gestrecktem Zustand aufnehmen, dies halbwegs wiederholgenau. Knicken wir diesen, so müssten wir während des Schießens ja unseren Zollstock - also unseren Stützarm - wieder gerade biegen, na ja, zumindest aber in diesem Zustand halten. Das heißt, wir müssten der in Längsrichtung durch den Bogen aufgebrachten Kraft eine entsprechend große Gegenhaltekraft - allein nur für das Halten unseres gebeugten Armes – aufbringen. Kraftanteile die eigentlich lediglich nur zum Abstützen gedacht waren, gehen nun zu Lasten eines zusätzlichen Aufwandes verloren. Hier zeigt sich bereits, dass wir Fehlerquellen eingebaut hätten, die durch den absolut gestreckten Arm gar nicht erst vorhanden wären.

Druckpunkt an der BogenhandVorn am Ende des Zollstocks wäre dann unsere Hand. Aber eigentlich brauchen wir von der Hand ja nur den Druckpunkt, der, der an der Griffschale unsere Schnittstelle zum Bogen darstellt. Dieser ist optimalerweise zwischen der Lebenslinie und dem Daumenballen. Mehr wird von unserer Stützhand nicht benötigt. Somit bildet lediglich der Druckpunkt unserer Stützhand das Ende unseres Zollstocks.

So, nun zurück zum eingangs erwähnten ungünstigen Festhalten in der Bogenhand. Es handelt sich hier also um Anspannungen, Bewegungen und Reflexe außerhalb unseres Druckpunktes. Jedoch liegen diese nur dann außerhalb, wenn unsere Bogenhand die optimale Stellung in der Griffschale auch tatsächlich eingenommen hat. Liegt die Stützhand sowieso nicht optimal in der Griffschale, dann haben wir auf jeden Fall bereits Fehlerquellen erzeugt, noch eher wir den Bogen überhaupt gespannt hätten. Hinzu kommt, dass sämtliche Anspannungen der Stützhand auch ein Verreißen der Bogenhand bedingen. Ebenso sind Anspannungen der Stützhand mitverantwortlich für eine verspannte Zughand. Wie gesagt, eins bedingt das andere...
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